liutlôs

Wortliutlôs
AutorHartmann von Aue
WerkErec
TexttypArtusroman
Datierung2. Hälfte 12. Jhd.
Überlieferung Ambraser Heldenbuch Bl. 30r–50v
Textstellein wart daz wîte bürgetor
beidiu dar inne und ouch dâ vor
ze wênic und ze enge,
sô daz si mit gedrenge
vielen über mûre
gelîch einem schûre,
wan si diu grimme vorhte treip.
Lîmors liutlôs beleip.
vliehens gienc in michel nôt,
wan si vorhten den tôt.


(V. 6656–6665, liutlôs V. 6663)
EditionLeitzmann/Wolff 2006
Handschriftlicher
Wortbeleg
der
Leithandschrift
Hs. A: leutlos
Lesart
WortartAdjektiv
WortbildungDerivation
liut-lôs, liut stM. ‚Volk‘ + Suffix (s.a. KSW III, Kap. IV.1, §A125–A128)
Entlehnung
Positionversinneres
Reimwortnein
Übersetzung/
Bedeutungsangaben
‚menschenleer‘ (MWB, Bd. 3, im Druck)
‚ohne Leute, menschenleer‘ (Lexer)
‚ohne Leute‘ (BMZ)
Mertens: „Limors lag menschenleer.“
Scholz/Held: „Limors blieb menschenleer zurück.“
Cramer: „Limors lag menschenleer.“
Felber et al.: „Limors blieb entvölkert zurück“
weitere
sprachliche
Besonderheiten
Literarischer
Kontext
Erec und Enite befinden sich im Rahmen der zweiten Aventiuresequenz auf der Burg Limors des Grafen Oringles (V. 5730–6813). Als Enite den nach der Cadocepisode (V. 5288–5729) scheintot zusammengesunkenen Erec beklagt, hält sie Graf Oringles vom Selbstmord ab und verliebt sich sofort in sie. Die treue Enite leistet, wie schon in der Grafenepisode (V. 3472–4267), Widerstand und beklagt noch nach der Zwangsheirat den Tod ihres Geliebten, was den Grafen eifersüchtig macht (V. 6109–6579). Bei einer öffentlichen Tafel setzt sie sich den körperlichen Züchtigungen des wütenden Grafen aus. Als sie noch lauter zu klagen beginnt, kommt Erec wieder zu sich (V. 6580–6612). Er erkennt ihre Bedrängnis, reißt ein Schwert von der Wand und erschlägt voller Zorn den Grafen und zwei seiner Leute, sodass alle Bewohner der Burg in Todesangst fliehen (V. 6613–6664).
Literarische
Bedeutung/
Funktion
Mit dem Vers um die Einmalbildung endet die Beschreibung der Flucht durch den Erzähler, die er schon in V. 6635 begonnen hatte. Die nun menschenleere Burg bildet einen starken Kontrast zum Gedränge der Flucht (V. 6636–6638 u.a.). Mertens (S. 674) sieht in dieser Szene den Namen der Burg Limors, den Hartmann – wohlwissend um dessen Bedeutung – von Chrétien übernommen hat (Chrétien: Erec, V. 4681), umgesetzt: Die Burg wirkt wie tot, wenngleich soeben ein tot geglaubter wieder zum Leben erwacht war. Der Name der Burg und die Einmalbildung werden auf rhetorischer Ebene in Form einer durch eine Inversion verstärkte, mehrfache Alliteration verbunden: Sowohl der Name der Burg als auch die beiden Teile der Adjektivderivation beginnen mit [l], das ebenso im den Vers schließenden Verb beleip vorkommt. Nachdem der Erzähler die Flucht der Bewohner in Form eines Kommentars mit Selbstbezug rechtfertigt (V. 6666–6681), wird das Hapax legomenon insofern revidiert, als dass doch eine Person auf Erec wartet: die allzeit treue Enite, deren Trauer nun in Freude umschlägt (V. 6682–6687). Damit ist das Liebespaar rückwirkend aus der Einmalbildung ausgenommen und die Bedeutung von liut lässt sich auf das Volk reduzieren (Lexer I, Sp. 1942). Das Hapax legomenon leitet damit Flucht und Versöhnung der Liebenden als Schlüsselszene ein (V. 6688–6813).
Weitere
literarische
Besonderheiten
Das starke Verb belîben wird gelegentlich auch zur Überleitung in einem Erzählvorgang verwendet (MWB 1 560,48, Bed. 1.3), um einen Abschnitt zu beenden, was sich auch hier mit dem Ende der Flucht und damit der Oringlesepisode decken würde.
Weiterführende
Literatur